Marketing

Kein Bock auf Social Media? Gut. Aber ohne Content geht es trotzdem nicht.

Ich kenne einen Fotografen. Technisch einer der Besten, die ich kenne – seine Portraits haben eine Qualität, die man nicht einfach lernt. Er hat ein eigenes Studio, eine saubere Website, keine Cookies, keine Social-Media-Präsenz. Er ist stolz darauf, das System nicht zu unterstützen.

Und er hat Probleme, seine Zielgruppe zu erreichen.

Wir sitzen regelmäßig zusammen und er fragt mich nach Tipps. Ich gebe sie ihm. Er befolgt sie nicht – noch nicht, zumindest. Aber ich sage ihm jedes Mal dasselbe:

Es gibt hunderte Fotografen in unserer Region. Ein normaler Mensch kann nicht unterscheiden, ob du technisch brilliant bist oder nur gut. Für ihn ist ein Foto ein Foto. Was die Menschen kaufen, ist nicht deine Technik. Es ist dich. Deine Persönlichkeit, deine Haltung, deine Art. Aber wenn die nirgendwo im Netz auftaucht – dann existierst du für potenzielle Kunden schlicht nicht.

Social Media ist nicht das Problem

Lass mich klar sein: Ich verstehe jeden, der keine Lust auf Social Media hat. Die Angst vor Pausen. Das Gefühl, dem Algorithmus ausgeliefert zu sein. Täglich präsent sein müssen, sonst wirst du bestraft. Das ist kein gesundes Fundament für ein Business.

Und ja: Marketing ohne Social Media kann funktionieren. Eine gute Website, SEO, E-Mail-Marketing, Empfehlungen, Substack – es gibt Wege, die unabhängiger machen von Plattformen, die dir nicht gehören.

Aber.

Online-Marketing ohne Content funktioniert nicht. Das ist keine Meinung, das ist die Grundbedingung. Irgendeine Form von Sichtbarkeit braucht es – ob Blogartikel, Newsletter, Podcast, Video, Audio. Die Plattform ist verhandelbar. Content ist es nicht.

Und jetzt wird es unbequemer

Es reicht auch nicht, einfach irgendetwas zu veröffentlichen.

Mein Fotografen-Freund könnte morgen einen Blog starten und Artikel über Belichtung, Schärfentiefe und die besten Kameraeinstellungen für Portraits schreiben. Das wäre Content. Es würde sein Problem trotzdem nicht lösen.

Denn seit es KI gibt, ist reiner Informations-Content überflüssig. ChatGPT beantwortet jede technische Frage schneller, vollständiger und kostenlos. Wer heute noch "5 Tipps für bessere Portraits" schreibt, konkurriert mit einer Maschine. Und verliert.

Was nicht ersetzbar ist: die persönliche Einordnung. Die Meinung und Haltung. Der eigene Blick auf das Thema.

Nicht "Hier sind die besten Kameraeinstellungen für Portraits" – sondern "Warum ich aufgehört habe, nach den perfekten Einstellungen zu suchen." Nicht "So funktioniert gutes Licht" – sondern "Das eine Foto, bei dem alles falsch war und es trotzdem das beste des Jahres wurde."

Das ist der Unterschied zwischen Content, der informiert, und Content, der klar von einer Person geschrieben wurde. Nur letzterer baut Vertrauen auf. Nur letzterer gibt jemandem das Gefühl: Wir sind auf einer Wellenlänge – bei dem will ich buchen.

Was das konkret bedeutet

Du musst nicht auf Instagram sein. Du musst nicht täglich posten. Du musst dich nicht verbiegen.

Aber du musst irgendwo sichtbar sein – mit einer Stimme, die nach dir klingt. Mit einer Haltung, die erkennbar ist. Mit Content, der nicht austauschbar wäre, wenn du deinen Namen darunter entfernen würdest.

Das kann ein Blog sein. Ein Newsletter. Ein Podcast. Ein YouTube-Kanal. Substack. LinkedIn. Es kann auch Instagram sein – aber dann nicht als Pflichtprogramm, sondern weil es das Format ist, das zu dir passt.

Die Frage ist nicht: Welche Plattform? Die Frage ist: Wo kannst du du sein, ohne dich zu verbiegen? Wo kannst du eine Meinung vertreten, eine Geschichte erzählen, einen Standpunkt zeigen – regelmäßig genug, dass Menschen anfangen, dich zu kennen?

Und es muss nicht Schwarz oder Weiß sein. Weder All-In noch gar nichts. Manchmal reicht es, dass Menschen, denen du im echten Leben begegnest (und dort persönlich von dir überzeugst), sehen: Sie gibt es auch online. Im Fall des Fotografen könnte das ein Portfolio sein, das auf der Website und auf Instagram ein Haben-Wollen auslöst – und sonst nichts. Mehr braucht es manchmal nicht, um anzufangen.

Wer Online-Marketing hingegen grundsätzlich ablehnt, dem sei gesagt: Das ist eine legitime Entscheidung. Dann aber konsequent – mit klassischem Marketing, Netzwerk-Events, Mundpropaganda. Auch das kann funktionieren. Nur das Mittelding – online sein, aber unsichtbar bleiben – funktioniert nicht gut.

Zurück zum Fotografen

Er wird irgendwann anfangen. Ich sehe den Erkenntnisprozess, er ist nur sehr langsam. Und wenn er anfängt, wünsche ich mir für ihn nicht, dass er anfängt zu posten. Ich wünsche mir, dass er anfängt zu zeigen, wer er ist.

Dass er schreibt, warum er Fotografie liebt. Was ihn an einem Bild berührt. Welche Aufträge er ablehnt und warum. Was er denkt, wenn Kunden "mach es einfach ein bisschen heller" sagen.

Das ist der Content, der ihn von hundert anderen Fotografen unterscheidet. Nicht die Technik. Nicht die Ausrüstung. Er selbst.

Und das gilt für dich genauso.