

Branding
Haben oder Sein: warum die meisten Marken austauschbar wirken
Gestaltung hat ein Image-Problem.
Wer sich ernsthaft mit Inhalten beschäftigt, mit Haltung, mit dem was wirklich zählt, der tut sich oft schwer damit, über seinen Außenauftritt nachzudenken. Es fühlt sich falsch an. Oberflächlich. Als würde man plötzlich über Dinge reden, die eigentlich keine Rolle spielen sollten.
Und gleichzeitig: Irgendwann kommt der Moment, in dem man online sichtbar sein muss. In dem man eine Website braucht, ein Branding, eine Bildsprache. In dem die Frage nicht mehr wegzuschieben ist: Wie will ich nach außen wirken?
Für viele ist das ein unangenehmer Moment. Nicht weil sie eitel wären. Sondern weil sie das Gefühl haben, sich jetzt mit genau dem beschäftigen zu müssen, das sie immer für zweitrangig gehalten haben.
Erich Fromm hat 1976 ein Buch geschrieben, das eigentlich über etwas ganz anderes geht. Und das trotzdem erklärt, warum das so ist. Es geht um zwei grundlegende Lebenseinstellungen und er meinte das im großen Sinne: Wie lebe ich? Woraus ziehe ich meinen Wert? Wer bin ich, wenn man alles wegnimmt, was ich besitze?
Menschen im Haben-Modus definieren sich über das, was sie anhäufen. Titel. Statussymbole. Erfahrungen, die man vorweisen kann. Bestätigung von außen. Ihr Wert ist gebunden an das, was sie haben. Deshalb ist er nie wirklich sicher. Denn Besitz kann man verlieren.
Menschen im Sein-Modus definieren sich anders. Nicht über das, was sie haben, sondern über das, was sie sind. Über ihre Werte, ihre Art zu denken, ihre Beziehung zur Welt. Ihr Wert ist nicht verhandelbar. Er kommt nicht von außen.
Fromm hat dieses Buch über das menschliche Leben geschrieben. Ich denke daran, wenn ich mir Websites anschaue.
Der Haben-Modus im Branding
Eine Marke im Haben-Modus fragt: Was sollte ich haben, damit ich professionell wirke?
Ein Logo. Eine Farbpalette. Eine Website. Einen Claim. Vielleicht noch eine Bildsprache mit Leinenstrukturen, einer Tasse Kaffee von links beleuchtet und einem Zweig irgendeiner blassen Pflanze, die in keiner deutschen Wohnung wächst.
Die Liste wird abgearbeitet. Haken gesetzt. Und am Ende steht etwas, das aussieht wie eine Marke, aber sich nicht anfühlt wie eine.
Das Ergebnis kennt man. Man scrollt durch Instagram, durch Google-Suchergebnisse, durch Anbieterwebsites in einer Branche und alles sieht gleich aus. Dieselben Formulierungen. Dieselbe Bildsprache. Dieselbe Haltung: keine. Drei Werte in Kreisen. „Authentisch. Nachhaltig. Menschlich." Ein Foto, auf dem jemand lacht und einen Laptop hält. Ein CTA-Button, der sagt: „Lass uns gemeinsam wachsen."
Nicht weil alle Menschen gleich sind. Sondern weil alle dieselben Dinge haben wollten.
Und ich verstehe das. Wirklich. Wenn man nicht weiß, wo man anfangen soll, schaut man, was andere machen. Man orientiert sich. Man denkt: Wenn das bei denen funktioniert, wird es bei mir auch funktionieren. Man kauft sich ein Stück Sicherheit in Form eines Looks, der bewährt wirkt.
Das Problem ist nur: Bewährt bedeutet nicht unverwechselbar. Und unverwechselbar ist das Einzige, was auf Dauer zählt.
Warum der Haben-Modus sich so gut anfühlt, aber trotzdem nicht funktioniert
Es gibt einen Moment, den viele kennen, die zu mir kommen. Das Branding ist irgendwie schon passiert. Ein Logo gibt es. Eine Website auch. Und trotzdem stimmt irgendetwas nicht. Nicht ganz falsch. Aber auch nicht wirklich richtig. Zu glatt. Zu wenig ich.
Dieses Gefühl ist kein Zeichen schlechter Gestaltung. Es ist ein Zeichen, dass die falschen Fragen gestellt wurden. Nicht: Was bin ich? Sondern: Was soll ich haben?
Der Haben-Modus fühlt sich beim Prozess sicherer an, weil er messbar ist. Hat sie ein Logo? Ja. Hat sie eine Website? Ja. Hat sie Farben? Ja. Fertig.
Aber Markenidentität ist kein Checklisten-Produkt. Sie entsteht nicht durch das Abhaken von Elementen. Sie entsteht durch Entscheidungen. Echte, manchmal unbequeme Entscheidungen darüber, wer man ist, für wen man arbeitet, was man nicht mehr tun will, welche Kund*innen man anzieht und welche nicht.
Diese Entscheidungen kann man nicht kaufen. Man kann sie nur treffen.
Der Sein-Modus im Branding
Eine Marke im Sein-Modus fragt etwas anderes: Wer bin ich eigentlich, und wie zeigt sich das nach außen?
Das ist keine leichtere Frage. Sie ist unbequemer. Sie erfordert, dass man wirklich nachschaut. Dass man sich nicht hinter Trends versteckt, nicht hinter dem, was „in der Branche so üblich ist", nicht hinter dem, was die Konkurrenz macht.
Wenn diese Frage wirklich beantwortet ist, entsteht etwas, das man nicht kopieren kann. Weil es nicht aus einer Vorlage kommt. Weil es aus einer Person kommt.
Ich erlebe das immer wieder in meiner Arbeit. Den Moment, in dem jemand aufhört zu fragen „Wie soll das aussehen?" und anfängt zu sagen: „Weißt du was, das bin ich einfach nicht." Oder: „Ich glaube, ich will nicht mehr so klingen." Oder: „Ich merke, dass ich mich auf meiner eigenen Website nicht wiedererkenne."
Das ist der Moment, in dem echtes Branding beginnt.
Marken im Sein-Modus wirken magnetisch. Nicht weil sie lauter sind. Nicht weil sie mehr investiert haben. Nicht weil ihr Logo schöner ist. Sondern weil sie echter sind. Weil man spürt: hier steckt eine Haltung dahinter. Hier hat jemand entschieden, wer er ist und das nicht versteckt, sondern gezeigt.
Diese Marken polarisieren auch. Sie gefallen nicht allen. Und das ist kein Fehler. Das ist das Ziel.


Woran man den Unterschied erkennt
Ich sage meinen Kund*innen manchmal: Schau dir deine Website an und frag dich, könnte das auch von jemand anderem sein? Könntest du das Logo austauschen und es würde trotzdem passen?
Wenn die Antwort ja ist, ist das kein Gestaltungsproblem. Es ist ein Klarheitsproblem.
Das Design ist nur so stark wie die Entscheidungen dahinter. Und Entscheidungen kann man nur treffen, wenn man weiß, wofür man steht. Was man sagt. Was man nicht mehr sagt. Welche Kund*innen man anzieht und welche ruhig woanders hingehen können.
Ein Logo ist nicht das Problem. Eine Farbpalette ist nicht das Problem. Das Problem ist, wenn beides aus dem Wunsch entsteht, etwas zu haben, statt aus dem Wissen, wer man ist.
Ich sehe das auch an der Sprache. Texte im Haben-Modus klingen oft wie eine Zusammenfassung von Leistungen. „Ich biete X, Y und Z an. Mit mir erreichst du A, B und C." Alles richtig. Alles austauschbar.
Texte im Sein-Modus klingen nach einer Person. Man spürt, wie jemand denkt. Man liest einen Satz und denkt: Genau so würde ich das auch sagen. Oder: Das würde ich so nie sagen und deshalb ist diese Person nicht die Richtige für mich.
Beides ist gut. Beides ist das Ziel. Denn eine Marke, die versucht, für alle zu passen, passt am Ende für niemanden wirklich.
Was das für die eigene Markenarbeit bedeutet
Ich habe in meiner Arbeit gelernt, dass der schwierigste Teil nicht das Gestalten ist. Es ist das Entscheiden.
Entscheiden, was man zeigt und was nicht. Entscheiden, wie man klingt, auch wenn es nicht allen gefällt. Entscheiden, für wen man arbeiten will und konsequent nein zu sagen, wenn jemand nicht passt.
Das braucht Mut. Und es braucht Klarheit darüber, was einem wirklich wichtig ist. Nicht was man haben will. Sondern was man ist.
Das ist auch der Grund, warum ich jeden Prozess mit einer Frage beginne, die nichts mit Design zu tun hat: Wofür stehst du wirklich? Nicht was auf deiner Website steht. Nicht was du in deinem LinkedIn-Profil beschreibst. Sondern was du wirklich glaubst, wirklich vertrittst, wirklich lebst.
Wenn diese Frage beantwortet ist, kann man anfangen zu gestalten. Dann hat das Design eine Grundlage. Dann hat das Logo eine Bedeutung. Dann hat die Farbwahl einen Grund.
Dann entsteht keine Marke, die etwas hat. Sondern eine, die etwas ist.
Eine ehrliche Frage zum Schluss
Ich stelle sie mir selbst regelmäßig. Und ich stelle sie meinen Kund*innen, bevor wir anfangen:
Baust du gerade eine Marke, die etwas hat? Oder eine, die etwas ist?
Die erste ist schneller fertig. Die zweite hält länger. Die erste gibt dir das Gefühl, etwas erledigt zu haben. Die zweite gibt dir das Gefühl, endlich angekommen zu sein.
Fromm hat geschrieben, dass der Sein-Modus Mut erfordert. Den Mut, sich nicht über Äußerlichkeiten zu definieren. Den Mut, verletzbar zu sein. Den Mut zu sagen: Das bin ich, auch wenn nicht alle damit einverstanden sind.
Ich glaube, das gilt für Marken genauso wie für Menschen.
Und die schönsten Marken, die ich kenne, die, bei denen man sofort spürt, dass hier jemand wirklich bei sich ist, die diesen Mut ausstrahlen.
Studio Alma begleitet Menschen, die etwas zu sagen haben, dabei herauszufinden, wie sie es klar nach außen bringen. Nicht durch mehr Haben. Sondern durch mehr Klarheit darüber, wer sie sind.
Wenn dich das anspricht: Lass uns reden.
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